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Seminar in Osek (Tschechien)

Von admin, 30. Juni 2009 11:39

Grün soweit das Auge reicht. Große und kleine
Bäume stehen dicht beisammen. Auf einer harten Sitzbank wippe ich leicht
von links nach rechts. Um mich herum mehrere Menschen dicht gedrängt in
einem kleinen Waggon der Eisenbahn, in dem nicht alle einen Sitzplatz gefunden
haben. Ein Bus würde diesem Gefährt "bei uns" alle Ehre
machen. Doch man ist nicht am Ende der Welt, denn nachdem sich der Wald lichtet,
hält man auf Gleis 2 eines kleinen Regionalbahnhofs plötzlich vor
einer Ortschaft mit dem Namen "Osek".


   Osek: Vorbereitungsseminar III

Auch hier dürfen die obligatorischen Plattenbauten nicht fehlen, die sich
an einem Ortsrand in den Himmel quälen. Diese Wohnform begleitete unseren
Ausblick aus der Bahn durch ganz Tschechien. Aber vom Kloster aus, sieht man
nur in grüne Berge, die sich in alle Himmelsrichtungen erstrecken und auf
eine Raffinerie in der Nähe, die nachts hell erleuchtet ist.
Der Ort selbst, mit knapp 7000 Einwohnern ist größer, als ich ihn
mir vorgestellt habe. So findet man denn auch alles nötige: Drogerie, Apotheke,
Post, Lebensmittelgeschäfte, Kneipen. Nichts desto trotz ist man auf dem
"Land".

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   Kloster

Das Kloster, dessen Land und Gebäude riesige Ausmaße besitzen, liegt,
wenn auch am Ortsrand, noch recht zentral.
Gut 800 Jahre alt, birgt viel Interessantes: hinter einer Kellertüre tun
sich dem interessierten Freiwilligen steinerne Kellergewölbe auf, die keiner
mehr zu nutzen scheint, durch den Hof ziehen sich im Untergrund versteckte Gänge
und Abwassersysteme, eine gewisse Atmosphäre ist also durchaus gegeben.
Während der Mittagspause pflückt man sich als Nachtisch eine Birne
vom Baum und legt sich neben einen Brunnen im Innenhof unter einen Baum um zu
schlafen. Nach getaner Arbeit stand dann ein Besuch im "Pool" oder
"Schwimmbad" an – einem riesigen alten Becken eines Wassergartens,
dass komplett geflutet war. Durch eine intensive grüne Farbe war zwar weder
Tiefe noch Innenleben (es wurden Karpfen gefangen!) wirklich auszumachen, aber
für eine Abkühlung und ausgeklügelte Sprungtechniken hielt es
alle Mal gut her.

In das Klosterleben sind wir allerdings
nicht wirklich integriert: kein Gottesdienstbesuch steht auf unserem offiziellen
Programm, obwohl dieser hier täglich stattfindet – ein Besuch war aber
jedem freigestellt. Und natürlich respektiert man Gesten, wie das Aufstehen
zu einem Gebet vor und nach einer Mahlzeit.
Zudem gab es ein Gespräch mit dem Abt des Klosters, der uns eine Stunde
lang über sein Leben und die Geschichte des Klosters sowie über Gott
erzählte. Eine Mischung aus Faszination, Philosophie und Erschrecken -
in jedem Fall aber ein Erlebnis.

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   Programm / Arbeit

7:30 Uhr Frühstück, 8 – 12 Uhr Arbeiten, 12:30 Uhr Mittagessen, 14
– 16 Uhr Arbeiten, 18 Uhr Abendessen, 19 – 21:30 Uhr Seminar – das war dann
doch ein Kontrast zu Köln und der Zeit davor!

Eines des großen, noch sehr gut erhaltenen Gebäude (Herrenhaus),
in dem auch wir untergebracht waren, hatte nasse Füße – die Abwassersysteme,
durch die im zweiten Weltkrieg gefangen gehaltene Mönche flüchteten,
wurden von den damals hier herrschenden Kommunisten zugeschüttet und so
staute sich das Wasser. Also galt es einen bereits angefangenen Graben zu erweitern
und zu vertiefen und das Erdreich bis auf Fundamenttiefe für eine Drainage
freizulegen. Nachher stelte sich heraus, dass wahrscheinlich "nur"
eine kaputte Wasserleitung Schuld war, aber die gelegte Drainage wird auch so
ihren Zweck erfüllen.
Diese Arbeit war in praller Sonne durchaus anstrengend und mir platzen bereits
nach kurzer Zeit die ersten Blasen auf. Doch irgendwie hatte ich dabei auch
viel Spaß und freute mich abends um so mehr auf mein Bett.

Die abendlichen Seminare beschäftigten sich mit Tagesreflektionen, Konfliktlösungen
u.v.m. Doch gaben sie mir nicht so viel, wie sie das in Köln durchaus getan
hatten. Woran es lag, kann ich aber nicht genau sagen.
Hier gingen mir manchmal Fragen durch den Kopf, wie, ob ich denn dieses Seminar
wirklich für mein Jahr im Ausland brauche, ob ich nicht lieber zu Hause
sitzen würde, o.ä.

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   Ausflug nach Theresienstadt

Sonntag ging es nach Theresienstadt. Eine laaange Anfahrt mit Bus, Bus und Bus.
Dann ist man da.
Doch Konzentrationslager? Ich stehe in einer Stadt, neben mir ein schöner
Platz, schöne Häuser, die Sonne scheint. Tote? Verbrechen? Es ist
kaum etwas los auf den Straßen, viele Häuser in leuchtenden Farben
gestrichen. Die äusseren Umstände ließen einen die Tage, in
denen Theresienstadt ein Ghetto war, nicht unbedingt leichter vorstellen, so
banal dies auch ist.
Durch die Stadt, bzw. das Ghetto wurden wir von einer älteren Dame geführt,
die uns jedes Gebäude erklärte, man aber vom Lagerleben selbst wenig
erfuhr. Darüber wurden wir im "Ghetto Museum" informiert, dass
viele Informationen und bilder vom "damaligen" Theresienstadt gut
aufbereitet für uns bereit hielt und mir persönlich sehr gut gefiel.

Auffallend waren auch ein Jahr nach dem Elbhochwasser noch die Schäden,
die es hervorrief. In Theresienstadt selbst stand das Wasser fast bis zur Decke
der Erdgeschosse, wie der abgebröckelte Putz an den Häusern verraten
lies. Auch erfuhren wir, dass viele Menschen nicht mehr in die Stadt zurück
gekehrt sind. So holte einen an diesem geschichtsträchtigen Ort eine Naturkatastrophe
ein, die das Leben der heute dort lebenden Menschen und der ganzen Stadt prägt.
Anschließend ging’s dann wieder zurück, diesmal mit der Bahn, was
die Strecke leider auch nicht kürzer machte. Dennoch: ein lohnender Besuch.

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   Ausflug nach Prag

Mittwoch war unserer "freier" Tag, an dem sich nahezu die gesamte
Gruppe dazu entschloss, gemeinsam nach Prag zu fahren.
Um 6:30 Uhr fuhr der Bus in unserem kleinen Örtchen ab und wir waren tatsächlich
schon um 8:30 Uhr in besagter Weltmetropole, die mich in ihren Bann zog: Schön,
geschichtsträchtig, lebendig.
Unsere Truppe zerschlug sich natürlich bereits nach den ersten Metern und
nachdem sich dann kleine Grüppchen gebildet hatten, die ersten Stadtpläne
bei der Touristeninformation besorgt waren, konnte es losgehen. Im wahrsten
Sinne des Wortes. Zu den bekanntesten Gebäuden verriet mir mein Stadtplan
für 50 Kronen in vier Zeilen und mit Foto, was wir denn gerade vor uns
sahen. Und zu sehen gab es eine ganze Menge, an diesem unendlich schwülen
Tag. Man traf sogar Pfadfinder aus Iserlohn. Ich bin selten so viel gelaufen,
hatten selten so wenig Ahnung, was sich mir denn gerade präsentiert und
doch würde ich sagen, hat es sich in jedem Fall gelohnt, denn die Stadt
ist einfach schön.
Zurück ging es dann um 19:09, um 21:45 Uhr konnte ich endlich duschen und
müde auf meine Pritsche fallen.

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   Abschluss
Zum Abschluss unserer insgesamt 21 Tage Seminarzeit hatten wir unsere letzten
beiden Tage nicht mehr zu arbeiten, unter anderem, weil Freitag Maria Himmelfahrt
war und der höchste Feiertag für die Zisterziensermönche.

Freitag hatten wir von 10 – 12 Uhr und von 15 – 17 Uhr noch einmal einen
Seminarblock.
Aus der Gruppe kam der Wunsch, nicht nur den Abend gemeinsam am Lagerfeuer in
offener Atmosphäre zu verbringen, sondern auch einen gemeinsamen Gottesdienst
zu feiern. Dieser Gottesdienst, bzw. diese Andacht, wurde von einigen Leuten
aus der Gruppe, unter denen auch ich weilte, und Ralf, der lange Zeit als Pfarrer
tätig war, gemeinsam organisiert. Die Andacht stand unter dem Thema "auf
dem Weg sein" und war bewusst offen gehalten, was mir persönlich sehr
gefiel. Es wurden Lieder gesungen, ein Blick zurück geworfen und Wünsche
für unser Jahr im Ausland geäußert. Zum Abschluss gab es ein
Gebet und einen Segen. Der bewegenste Teil war zumindest für mich eine
selbst geschriebene Geschichte, die das Thema "Mut neue Wege zu gehen"
behandelte.
Diese gelungene Feier wird mir denn auch sicherlich in Erinnerung bleiben und
machte mir noch einmal bewusst, dass ich das Abschied nehmen die Seminarzeit
über erfolgreich vor mir her geschoben habe. So ging es in den weiteren
Abend, der mir sehr gut gefiel.

Samstag und Sonntag fand in Osek ein großes Fest statt. Es gab eine
Kirmes auf dem Dorfplatz und die Straßen sowie der Platz vor dem Kloster
waren mit Ständen gefüllt, an der man vielerlei Waren erwerben konnte
und an der auch unsere letzten Kronen noch Verwendung fanden.

Am Samstag fuhren wir um 13:24 in Osek ab.
Bereits an der Grenze standen wir dann leider gut 90 Minuten, "auf Grund
eines Personenschadens". Dadurch verpassten wir unseren Anschlusszug in
Berlin, bekamen aber zum Glück den nächsten ICE nach Köln. In
diesem versagten später die Bremsen, so dass wir wieder eine halbe Stunde
in der Prärie standen.
Um 2 Uhr war ich schließlich zu Hause.

Osek war in jedem Fall eine schöne Zeit, in der ich viel Kicker spielte
und interessante Gespräche führte. Auch gefiel mir die Atmosphäre
in und um das Kloster.

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©
Nils Utz  ||  Erstellt: 16.08.2003

 

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