Bericht

Von admin, 29. Juni 2009 20:13

Famulatur in der Notaufnahme des Beilinson Krankenhauses
Petah Tikva, Israel – 2009

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Inhalt:

 


Motivation

Was sucht man in Israel? Konflikt oder Frieden? Sonne oder religiöse Erleuchtung? Die Schande der Geschichte seines Heimatlandes?

Für mich schien es zunächst gar nicht so kompliziert. Neben der anziehenden Mittelmeerlage wollte ich wissen: (wie) ist Frieden während eines so langen, weltweit brisanten, sich auf jeden Aspekt des Lebens auswirkenden Konflikt möglich? Und wie fühlt sich das an?
Doch, um es gleich vorwegzunehmen, ich habe nur neue Fragen, nicht aber Antworten mit nach Hause genommen. Dafür habe ich gelernt, dass die Suche nach dem besten Humus eher eine Lebensphilosophie als einen tatsächlichen Zielparameter darstellt; dass Krankenhäuser weniger eine amerikanische Kopie sondern vielmehr ein Mix zwischen West und Ost sind; dass Israel nicht ein Land, sondern eine Region ist, dessen einzelne Städte und Gegenden die ganze Welt auf nur 22.000 km² vereinen.

Lust auf mehr? Dann bucht euren Flug am besten noch heute und schaut selbst, ob ihr euch im kühlen Norden, im heißen Süden, im religiösen Jerusalem oder dem Partyleben Tel Avivs wohlfühlt. Nur soviel sei schon vorweg genommen: die üblichen Sicherheitsrisiken und Bilder von Panzern und Kriegen zeichnen ein 100% falsches Bild von Land und Leuten!


Vorbereitung

Sicherheit:   Ihr werdet euch überall rechtfertigen müssen und doch: es ist nicht gefährlich. Gar nicht. Wirklich. Aber weil man es ja nie wissen kann, nutzt die Krisenliste vom Auswärtigen Amt.

Visum:        Als deutsche Staatsangehörige braucht ihr kein Visum, wenn ihr weniger als 3 Monate dort bleibt.

Lektüre:      „Lonely Planet – Israel“ (mit Preisangaben) oder „Jerusalem & das heilige Land“ (tolle Übersichten)

Internet:     Offizielle Homepage RMC: clalit.org.il/rabin/defaulteng.asp; Hebräisch: learnhebrewpod.com

Reisezeit:    Im Sommer wird es in Tel Aviv sehr heiß und schwül; im Frühjahr ist es angenehmer bei ca. 20°C. In Jerusalem ist es dafür im Frühjahr noch nass-kalt (14 °C), im Sommer hingegen warm + trocken

Anreise:       Mit dem Flugzeug nach Ben Gurion Airport (Nähe Tel Aviv). TUIfly hat die besten Preise.

Mitnehmen muss man nichts! Es sind keine Adapter nötig, auch wenn man anderes liest. Campen ist in Israel gut möglich, aber verhältnismäßig teuer, sodass ich auf das sperrige Campinggepäck verzichten würde; wir hatten nur einen Schlafsack dabei. Hostels haben meist alles für eine Übernachtung unter freiem Himmel (Dachterrasse) zur Hand.

Finanzen:    Geld am besten vor Ort tauschen und vor Abflug am Flughafen wieder zurücktauschen. Eine Kreditkarte ist äußerst hilfreich wenn ihr euch ein Auto mieten, oder im Internet ein Hostel buchen möchtet. Diese könnt ihr dann auch gleich zum Geld abheben nutzen (DKB-Bank). Wechselstuben gibt es, wie EC-Automaten, überall. Ausnahme: En Gedi! Die Lebenshaltungskosten entsprechen unseren in Deutschland: Essen ist etwas teurer, Transport dafür günstiger. In den besetzten Gebieten gibt es nicht alles, dafür ist es deutlich preiswerter.

Sprache:      Zum Reisen reicht Englisch – Straßenschilder sind dreisprachig und die meisten Palästinenser und Israelis sprechen Englisch. Doch für die Arbeit im Krankenhaus heißt das Motto: je mehr Sprachkenntnisse, desto besser. Wer Russisch spricht, ist ebenfalls bestens (oder besser) vorbereitet! Wir haben für ein Semester einen Hebräisch-Grundkurs an unserer Universität besucht und konnten danach die Zahlen bis 10, das Alphabet und etwas sprechen und schreiben. Für die Notaufnahme hat das bei Weitem nicht gereicht, wenigstens aber für ein Lächeln im Café. Es geht sicherlich auch ohne, doch wir empfanden es aus vielerlei Gründen als das absolute Minimum.


Unterkunft

Man wohnt in der Dina Nursing School, direkt auf/neben dem Campus des Klinikgeländes. Dort gibt es einen schönen kleinen Garten mit künstlichem Wasserfall, Getränkeautomaten und einen antiken Computer mit Internetanschluss (WLAN) sowie Pay-TV im Gemeinschaftsraum.

Die Doppelzimmer sind einfach aber funktionell eingerichtet: Klimaanlage, Schreibtisch, Einzelbett und Kleiderschrank – fertig! Der gekachelte Boden war im Frühjahr etwas zu kalt und der Balkon keinen Aufenthalt wert, aber im Sommer bietet beides wahrscheinlich mehr Vergnügen. Die sanitären Anlagen (Gemeinschaftsduschen) sind traumhaft sauber und auch eure Wäsche könnt ihr günstig waschen. Da man sich in der Regel zu zweit ein Zimmer teilt und alle Austauschstudenten auf dem gleichen Flur wohnen, lernt man schnell neue Leute kennen. Beachtet, dass man die Zimmer anscheinend nur in der Zeit bewohnen kann, in der man auch tatsächlich famuliert – oder ihr klärt Extrawünsche mit Frau Lubinin frühzeitig ab. Wer Russisch spricht, ist klar im Vorteil! Ihr findet sie übrigens, indem ihr sie vom Sicherheitsbeamten anrufen lasst. J Man bekommt zwei Handtücher und Bettwäsche gestellt. In der Gemeinschaftsküche stehen ein Kühlschrank, eine Kochplatte und eine Mikrowelle zur Verfügung. Leider gab es zu unserer Zeit keine Kochutensilien, sodass wir mit nur einer Tasse und einem Messer für alle improvisieren mussten. Wem das nicht reicht, der findet in unmittelbarer Nähe auch zwei riesige Malls (Einkaufszentren). Dort bekommt man Lebensmittel, Kosmetika, elektronische Geräte – und Küchenutensilien. Natürlich dürfen auch Restaurants und ein Kino nicht fehlen. Neben der Notaufnahme gibt es auch ein paar günstige Snackbuden. Die Umgebung ist leider nicht besonders schön. Zu allen Seiten ist man von Einrichtungen des Klinikums umgeben, die abends wenig Unterhaltung bieten. Zum anderen schließt sich zu zwei Seiten ein Gewerbegebiet an, doch lädt ein kleiner Park zum Joggen oder Faulenzen ein. Die Innenstadt von Petah Tikva ist ca. 15 min mit dem Bus oder zu Fuß entfernt – zu weit, um sich gegen den Strand und die von Tel Aviv durchsetzen zu können! Die Bushaltestelle nach Tel Aviv (und Petah Tikva) liegt direkt neben der Notaufnahme an der Jabotinsky Road. Fahrt ihr oft Bus und wenig Sherut, kauft euch eine Mehrfahrtenkarte. Dazu hier eine Übersichtskarte:


Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Das Beilinson Krankenhaus gehört zum Rabin Medical Center, einem der größten Versorgungshäuser des Landes. Es ist Teil der Tel Aviv Universität, die einen exzellenten Ruf genießt. Da die israelischen Studenten bereits im Studium jeweils einen Monat auf den Stationen jeder Fachrichtung verbringen, bevor sie am Ende – ähnlich wie bei uns – ein Jahr lang noch einmal alle Stationen durchlaufen, ist die praktische Ausbildung dort sicherlich besser als bei uns. Bei meinem Studium in Mainz wird auf diese Praxiseinsätze beinahe ganz verzichtet, sodass mir das „israelische System“ ausgesprochen gut gefallen hat und ich mir auch in Deutschland mehr davon wünschen würde. Doch über das Gesundheitssystem des Landes habe ich leider nur wenig erfahren, da meine AiPler überraschend schlecht Bescheid wussten. Nur so viel: die Krankenhäuser werden wohl direkt von den Versicherungen geführt. Die Kommunikation unter den Ärzten empfand ich immer als unterhaltsam, da Hebräisch eine sehr kurze Sprache ist. So beginnen zum Beispiel Gespräche über den Patienten mit „ma ze?“ – „was dieses?“. „Keev po?“ – „Wo sind die Schmerzen?“. Vorgestellt wird man als „ze XY“ – „dieses XY“. Und so weiter. Diese Wortfetzen fliegen einem dann alle paar Minuten erneut um den Kopf und wir hatten große Freude uns selbst daran zu beteiligen! Bei Problemen gilt übrigens, wie in ganz Israel, „ha kol beseder“ – „alles ist gut“. Von der Homepage der Tel Aviv Universität kann man sich hierfür eine gute Vokabelliste (Englisch-Hebräisch) mit den wichtigsten medizinischen Wörtern und deren Aussprache herunterladen. Im Krankenhaus wurden wir an unserem ersten Tag von Frau Stanislavsky, die im Management arbeitet, sehr herzlich empfangen. Über unsere Ankunft war man informiert und die nötigen Papiere im Nu ausgefüllt. Im Anschluss mussten wir uns dann selbstständig auf die gewünschte Station begeben (freie Auswahl). Leider war man dort jedoch nicht auf mein Kommen vorbereitet und augenscheinlich auch nicht gewillt diesen Umstand zu akzeptieren. So verbrachte ich meinen ersten Tag leider wartend und unbeachtet. Ein weiterer Umstand, der meine Famulatur beeinflussen sollte, war das schlechte Englisch meines Oberarztes, das gepaart mit meinem Unvermögen Hebräisch zu verstehen, keine gute Mischung ergab. Zum Glück nahm sich mir bald schon eine AiPlerin an und übersetzte mit viel Geduld alle Aussagen der Patienten.

Wie sah nun mein Alltag aus?
Ein „normaler Tag“ begann gegen 8.00 Uhr mit der Ablösung der Nachtschicht. Morgens war es in der Notaufnahme meist sehr ruhig und ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Meist hing ich mich an einen der residents, die alle neuen Fälle sahen, die Anamnese erhoben, untersuchten, Blut abnahmen und die nötigen Röntgenbilder anordneten, bevor es zum nächsten Fall ging. Ich stand meistens daneben, hörte mit auf die Lunge und nahm Blut ab. Sprachen die Patienten Englisch oder Deutsch, konnte ich die ganze Routine übernehmen. Der Oberarzt nahm sich dann ca. 1 Stunde später die Akten, um Laborwerte zu übertragen und sich eine Diagnose zu überlegen. Leider lies er mich diese nur in Ausnahmefällen wissen, sodass ich nur selten mitbekam, wie die Geschichte eines Patienten ausging. Bei aller Kritik muss man aber sagen, dass man in Israel als Student jederzeit und überall ein willkommener Zuschauer ist – ob im OP, beim Legen von Drainagen oder bei Untersuchungen. Einen Tag verbrachte ich daher im OP und im Herzkatheterlabor. Da die Zeit zwischen Befunderhebung und Diagnosestellung bei uns zu lang war, füllten sich die Betten im Laufe des Tages schnell, bis es nachmittags eigentlich immer mehr Patienten als Betten gab. Alsbald stritten sich Angehörige mit Ärzten und der Rettungsdienst stand Schlange. Da wurde es dann meist etwas lauter – im doppelten Sinn. Zeit für die Mittagspause!Begeisternd wird man euch erzählen, dass das Krankenhaus für seine Kantine berühmt ist. Tatsächlich ist das Essen ein Highlight: für 1,30 EUR gibt es ein all you can eat Buffet. Die Leute dort meinten es wirklich gut mit uns „Gästen“ und so erhielten wir auch beliebig viele Fleischbeilagen. Danach schlichen wir immer mit viel zu vollen Bäuchen und viel zu wenig Blut zum Denken und Handeln auf unsere Abteilungen zurück. Dort wurde pünktlich um 16 Uhr das Chaos an die nächste Schicht abgegeben wurde und ich verabschiedete mich ebenfalls in den Feierabend. Ein besonders sensibler Punkt für jeden Israel-Reisenden ist natürlich der Holocaust. Mit diesem Thema wird man – vor allem im Bus – oft konfrontiert. Auch in der Notaufnahme hatte ich mehrere „deutschstämmige“ Israelis als Patienten, von denen jeder seine ganz eigene Geschichte zu erzählen hatte – und ich zum Glück genug Zeit zwischen dem Trubel ein paar persönliche Worte zu wechseln. Allen gemeinsam war eine mich beeindruckende Art mit dem Thema Holocaust umzugehen. So antworteten zum Beispiel viele Patienten ganz selbstverständlich auf Deutsch, wenn ich mich als Austauschstudent vorstellte. Manche Patienten wurden sehr nostalgisch und vermissten die Sauberkeit oder die Würstchen. Andere musste ich erst fragen, ob sie vor den NAZIs fliehen konnten. Als ich einmal auf das Schweigen, das dieser Frage folgte, eine Antwort suchte, nahm jene Patientin meine Hand und sagte ganz selbstverständlich: “das ist ja nicht deine Schuld” und öffnete damit den Raum für einen Dialog. Eine andere Frau begrüßte mich dafür mit den Worten: “ich mag noch nicht einmal die Sprache” und zeigte mir dann ihre eintätowierte KZ-Nummer – um mich im Anschluss trotzdem ihren Mann untersuchen zu lassen. Momente, die bis heute nachwirken und mir noch einmal das Grauen vor Augen führten, das sie erleiden mussten; mich erinnerten, dass sich die schrecklichen Erlebnisse von damals so oder so „eingebrannt“ haben müssen und die Nummern auf den Armen es die Betroffenen auch jeden Tag wieder neu erinnern lassen.


Reisen, Land und Leute

Reisen ist in Israel sehr angenehm: am Meer pendeln Züge, doch sind die zahlreichen Überlandbusse (Egged) deutlich günstiger. Zwischen- und in allen großen Städten empfiehlt sich besonders das „Sherut“: kleine Minibusse, die euch für den gleichen Fahrpreis doppelt so schnell ans Ziel bringen und dabei ungemein mehr Fahrspaß bieten! Die jeweiligen Routen sind die der großen Buslinien (im Fenster gekennzeichnet). Bei Bedarf einfach vom Straßenrand herwinken, einsteigen und das Geld später zum Fahrer durchreichen lassen. Vergesst nicht, eurer Ziel zu nennen! Eine Reise in und um Israel verspricht Abwechslung pur, denn derartige Vielfalt auf so kleinem Raum ist fast einmalig! Man kann auf dem höchsten Berg des Landes Ski fahren gehen und nur ein paar Autostunden später im See Genezareth oder im Meer schwimmen. Je nach Wetterlage kann man sich in den kühlen und erfrischend grünen Norden flüchten oder die Hitze und Schönheit der Wüste Negev erwandern. In Eilat wird man vergessen, dass am Sabbat eigentlich das ganze Land ruht und allein Jerusalem bietet wochenlang Programm. Doch am Ende werdet ihr euch vielleicht, wie wir, am allerwenigsten von Tel Aviv trennen können. Es ist schwer zu sagen woher diese Stadt ihr bezauberndes Flair nimmt. Vielleicht sind es die vielen jungen Leute mit Kinderwagen. Vielleicht ist es die scheinbare Belanglosigkeit der Zeit, da die Straßencafés bis tief in die Nacht gut gefüllt sind. Sicherlich aber sind es die Palmen am Straßenrand und die zahlreichen Galerien und Galerie-Eröffnungen, die einem zeigen: diese Stadt ist lebendig, hier bewegt sich was, es gibt viel zu entdecken. Auf keinen Fall verpassen sollte man auch eine Reise in die besetzten Gebiete (und nach Petra) – die Menschen dort werden es euch danken und auch ihr werdet euch dem Charme, trotz Mauer, nicht entziehen können.


Fazit

Wie man unschwer erkennt, hat mir meine Zeit in Israel – trotz Enttäuschungen auf der fachlichen Ebene und viel zu langer Busfahrten in die Stadt – unheimlich gut gefallen. Bestimmt kann man sich auch selbst eine Famulatur organisieren, aber über den BVMD war es doppelt einfach und günstig. Allerdings ist Israel sehr beliebt geworden, informiert euch also früh! Bei Fragen könnt ich mich gerne anschreiben und/oder die Berichte von Kathrin & Witali lesen, die zur gleichen Zeit dort famuliert haben.


Praktische Informationen

A number of bus companies operate throughout the city, with numerous terminals. The Egged Bus Cooperative handles inter-city lines, the Dan Bus Company is responsible for lines from Petah Tikva to other cities in Gush Dan as well as Judea and Samaria (but not lines within Petah Tikva), while Kavim handles lines within the city. The main bus terminal in Petah Tikva is the central bus station. Other terminals include the Sirkin Terminal, Beit Rivka, the Kaplan/Beilinson Terminal and the nearby mall, which is also a large transport hub. The main junctions of the city which serve as major inter-city bus stops are Segula Junction (roads 40/481), Ganim Junction (roads 40/483), Sirkin Junction (roads 40/4713) and Geha Interchange (roads 4/481).

Dan Routes to Beilinson Campus

  • Tel-Aviv New Central Bus Station – #50, #51
  • Tel-Aviv Old Central Bus Station – #186
  • Arlozorov Terminal (North Train)- #50, #51, #66, #82, #166
  • Tel-Aviv University- #49
  • Bar-Ilan University- #87
  • Tel-Hashomer- #87
  • Shomron-Ariel-Barkan Areas- #86, #185, #186, #285
  • Rosh-Haain- #17, #20, #27
  • Petah Tikva- #8, #9, #12
  • Bnei Brak-Ramat-Gan- #92

Egged Routes to Beilinson Hospital

  • Haifa- #921
  • Jerusalem- #947- On Ganim Crossroad transfer to bus #8
  • Ben Gurion Airport- #947- On Ganim Crossroad transfer to bus #8
  • Hasharon Area- #551, #561, #571
  • Be’er-Sheva Express- #995
  • Rishon Lezion- #164

 

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